Vom Glück literarischer Reisen durch die Eifel

Festrede zur Jubiläumsveranstaltung „125 Jahre Eifelverein Trier“ am 18. Oktober 2013 in Trier -
von JOSEF ZIERDEN

Stadt, Land, Wort. Literatur und Raum. Ich bekenne: Ich mag die poetische Geographie. Ich mag die Annäherung an Orte und Landschaften im Spiegel der Literatur, wortmächtig und kunstvoll, im Verwirrspiel von Wirklichem und Ausgedachtem - auf literarischen Reisen, auf literarischen Wanderungen und Streifzügen. Hin zu den Schriftstellern und ihren Werken, hin zu ihre Geburtsorten und Wohnorten, hin zu den Schauplätzen ihrer Romane und Erzählungen. In der fesselnden Vielfalt der Autoren und Genres, der Ansichten und Einsichten. Die verfremden und bereichern, die vertiefen und überhöhen. Die entgrenzen noch vermeintlich beschränkte Welten, die verfremden bekannte Welten und eröffnen neue Perspektiven auf scheinbar vertraute Räume.

„Vom Glück literarischer Reisen durch die Eifel“ möchte ich sprechen - als kleine Verbeugung vor dem großen 125-Jahr-Jubiläum des Eifelvereins Trier, zu dem ich herzlich gratuliere. Und als Verbeugung vor meinem Eifeler Lebens- und Entfaltungsraum seit Kindertagen, seit fast 60 Jahren. Und als Verbeugung vor den vielen hundert Autoren, die über Jahrhunderte ihre Feder tief ins poetische Tintenfass gesteckt haben, um immer neue literarische Eifelwelten im Wandel der Zeit zu zaubern.

Es ist beflügelnd, darüber gerade in der Moselmetropole Trier zu sprechen, wo die literarische Entdeckerin der Eifel, Clara Viebig, nahe der Porta Nigra aufgewachsen ist. Kaum 1000 Meter vom heutigen Festsaal im Kurfürstlichen Palais entfernt, vor 153 Jahren. Geboren wurde Clara Viebig im Juli 1860, 28 Jahre vor Gründung des Eifelvereins Trier. Von Trier aus ist sie 1876 immer wieder zu Landfahrten in die Eifel aufgebrochen, zusammen mit dem Landgerichtsrat Mathieu, den sie „Onkel“ nannte.  Früh lernte sie dabei Land und Leute der Eifel kennen, früh konnte sie dabei ihr soziales Bewusstsein schärfen und ihr literarisches Interesse stärken.

Und es war hier in Trier, vor 100 Jahren. Da wurde am 17. Mai 1913 ein „Festspiel zum 25jährigen Jubelfeste des Eifelvereins (...) zu Trier“ geboten, im Casino am Kornmarkt. Um die Entwicklung der Eifel ging es da: Vom unwirtlichen „Steinland“ im Dornröschenschlaf, verschmäht selbst von den Eifelern (Festspiel Akt 1) - hin zu einer „modernen“ Eifel (Festspiel Akt 2). Die ist fortschrittlicher geworden und allseits geschätzt -  und ist doch das „Land der alten Sitte“ geblieben. Ganz so, wie es sich die Eifel in einer nächtlichen Traumszene zwischen den beiden Akten gewünscht hatte. Als „weiße Frau“ war da die Eifel auf der Casinobühne am Kornmarkt aufgetreten, zusammen mit weiteren Personifikationen: mit der Nürburg, mit der Hohen Acht und mit den Maaren. Umringt von Sagengestalten der Eifel wie den Heinzelmännchen von Pelm, dem Berggeist von Kall und dem Wichtlein von Gerolstein. Die Eifel - eine Erfolgsgeschichte, vor 100 Jahren vom Eifelverein Trier präsentiert in einem literarischen Festspiel.

„Vom Glück literarischer Reisen durch die Eifel“ möchte ich also sprechen: von frühen literarischen Zeugnissen bis heute. Ohne dieses Glück trüben zu lassen von der gebotenen Kürze der Redezeit bei gleichzeitigem Kolossalumfang des Themengebiets - mit rund 500 Autoren und Werken und Orten in und zur Literaturlandschaft Eifel, vom Mittelalter bis heute.

Um dieses schier grenzenlose Reich der Literatur zeitökonomisch zu durchschreiten, wollen wir gleichsam wie Nils Holgersson mit den Wildgänsen die Autoren, Schauplätze und Themen mal in der raffenden Überschau, mal in der detaillierteren Nahschau betrachten, mal in der Vogelperspektive und mal in der Froschperspektive. Immer nur in ausgewählten Beispielen, ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit. Wir wollen blättern im Atlas der literarischen Eifel und immer neue poetische Seiten aufschlagen. Bunt und bevölkert wie Atlaskarten, die Reliefs und Höhenlinien, Bodenbedeckung, Verkehr und Industrie und Bevölkerungsdichte zu einem profilstarken Farbbild schichten, so bunt und bevölkert sind die Eifeler Landkarten der Poesie.

So möchte ich Sie alle, meine Damen und Herren, liebe Festgäste, so möchte ich Sie alle  mitnehmen auf  literarische Streifzüge durch jenes alte Kulturland, das allzu lange und allzu oft als rückständig und unwirtlich verschrien wurde und das vielleicht immer noch viel zu selten als literarische Schatzkammer gewürdigt worden ist:  das poetische Eiland Eifel - mit seinen literarischen Gipfeln wie mit seinen Niederungen, mit seinen starken Erzählströmen wie mit seinen versiegten Erzählquellen.
   Sagenlandschaft Eifel: Die Burgen und Schlösser der Eifel, die Klöster und Kirchen, die Wälder und Täler sind geradezu umsponnen von Volkssagen und Volksmärchen. Sie sind bevölkert von Spukgeistern und Hexen, von Zwergen und Riesen, von Werwölfen und Wiedergängern, von wilden Jägern und Wodansheeren. Von der Ahr bis an die Kyll, von der Rur und von der Erft bis an die Elz und an die Endert. Volkspoesie ist das. Naturpoesie, unverbildet. Anknüpfend an reale Orte, Personen und Ereignisse. Zunächst mündlich überliefert, schriftlos, direkt. Von Laienerzählern, von einfachen Leuten. In Takenstuben erzählt und in Spinnstuben, an langen Winterabenden, hinter dem Ofen. Es sind mit die ältesten Altertümer, die in unserer Kulturwelt noch zu finden sind, wie uns Volkskundler versichern. Sie sind mehr als antiquierte Dokumente einer vorrationalen Zeit, sie sind mehr als Dokumente einer voraufklärerischen Weltbegegnung von Menschen, die sich wehrlos Naturgewalten und dämonischen Kräften ausgesetzt sahen. Die sagenhafte Begegnung des Menschen mit dem Phantastischen, Übernatürlichen, Jenseitigen, mit dem Bösen wie mit dem Guten, mit Fehlverhalten und Schuld, mit schaurigen Wesen als Angstprojektionen - das alles bietet dem Menschen modellhaft und bildhaft Gelegenheit, Ängste zu bewältigen und Konflikte einzusehen und zu lösen. Und es ist immer auch gruselig unterhaltsam in einer Zeit noch ohne Radio und Fernsehen, noch ohne iPhone, iPod, iPad und Internet. Die Eifeler Pfarrer und Heimatforscher Johann Hubert Schmitz und Johann Baptist Wendelin Heydinger waren schon früh, um 1850, Pioniere der Eifeler Sagensammlung. Inspiriert von den legendären Brüdern Grimm und ihrer romantischen Suche nach den Wurzeln und Bindungen einer deutschen Kulturnation. Schmitz und Heydinger, sie steckten schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts das Spektrum der Möglichkeiten aller späteren Eifeler Sagensammlungen ab. Mal geographisch geordnet nach Teilgebieten, Orten oder Flüssen, mal mehr nach Sagenmotiven und Sagenfiguren. Mal in Versform, mal als Prosa. Mal strikt auf die originalgetreue Wiedergabe volkstümlichen Erzählguts konzentriert, so schlicht und schmucklos es auch sein mag. Mal offen für dichterische Formung und Ausgestaltung, für Umgestaltungen, Erweiterungen und Ausschmückungen auch aus der Feder prominenter Autoren wie Friedrich Schlegel, Adelbert von Chamisso oder Jakob Burckhardt. Schon Heydinger und Schmitz sahen, - wie um 1930 auch der spätere Volkskundeprofessor Matthias Zender aus Niederweis -  ihre Zeit als Umbruch- und Krisenzeit volkstümlichen Erzählens an, im Bewusstsein drohenden Verlustes mit der zunehmenden verkehrsmäßigen, wirtschaftlichen und kulturellen Erschließung der Eifel. Heydinger und Schmitz taten daher alles, um Eifelsagen aufzuzeichnen und vor dem Vergessen zu bewahren. Wie viele nach ihnen: etwa Peter Stolz, der im Gründungsjahr des Eifelvereins 1888 das Buch „Die Sagen der Eifel“ veröffentlichte, um für den „so wenig gekannten und gewürdigten Landstrich“ zu werben. Um 1950, nach Nazidiktatur und 2. Weltkrieg, hat August Antz Eifelsagen neu erzählt. Antz war jahrzehntelang, von 1911 bis 1946, Rektor in Trier-Ehrang und im Eifelverein aktiv.
So ist die Eifel bis heute eine Sagenlandschaft von Rang, wie sonst nur wenige in Deutschland. Mit Pfarrer Heydinger gesprochen: „Mit Recht kann man ausrufen, hier ist poetisches Land, hier ist klassischer Boden. Kein deutsches Land ist reicher an eigentümlichen Sagen und mythisch-historischen Überlieferungen als das Gebirgsland zwischen Rhein, Mosel, Our und Rur“. Pfarrer Heydinger, 1825 in Rodder bei Adenau geboren, starb im Jahre1907, 82 jährig, vor den Toren Triers - in Zemmer.

Wie alte Eifelsagen in der Erzählkunst der Gegenwart fortleben, zeigt etwa die spannende Neuerzählung „Der Schuster und die Haut des Gerbers“ von Tilman Röhrig, einem renommierten Jugendbuchautor. Da kommt der Teufel um Mitternacht. Zuerst donnert er mit einem feuerglühenden Pferdegespann über den Friedhof von Prüm zum Grab des reichen Gerbers Jeeps. Dann lockt er listig mit Gold und Geld. Und schließlich lässt er ein riesengroßes Rabenheer mit eisernen Schnäbeln und scharfen Krallen das Gerbergrab umpflügen und die Gerberleiche häuten. Ein teuflischer Kampf um die Haut des Gerbers und damit um die arme Seele eines reichen Geizkragens hat begonnen. Ängstlicher Gegner im ungleichen Duell ist der arme Prümer Schuster Mathias Hecht, dem der Gerber einst in Todesangst Leder geborgt hat gegen das Versprechen, drei Nächte lang sein Grab zu bewachen. Bei Nacht und Nebel kauert der schmächtige Schuster zitternd am modrigen Grab, inmitten teuflischer Geruchsschwaden. Es endet mit dem Sieg des Schusters über die entfesselten Teufelsmächte. „Der Schuster und die Haut des Gerbers“ ist ein Beispiel, wie ein ein moderner Schriftsteller eine alte Eifelsage in ein prächtiges Erzähljuwel zu verzaubern vermag - eindringlich, lebendig und spannend erzählt. Eine alte Teufelssage im modernen Erzählgewand. Sie endet mit einem meiner Lieblingssätze der Eifelliteratur, mit einer mahnenden Leseransprache des Erzählers: „Und hast du Angst um deine Seele. Geh nach Prüm! Denk daran, dort wird dem Teufel mit Haken und Gottvertrauen die Seele abgejagt.“

   Literarische Reisebilder zur Eifel. Der italienische Dichterfürst Petrarca, größter Lyriker seines Landes. Deutschlands größter Dichter, das „Jahrhundertgenie“ Johann Wolfgang von Goethe. Einer der bedeutendsten Avantgardisten der Weltliteratur, der französische Lyriker Guillaume Apollinaire. 1333, 1815 und 1901/1902 haben sie die Eifel durchstreift. Wie so viele vor ihnen und nach ihnen. Im Herbst 1819 August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der freiheitlich-patriotische Lyriker der Vormärzzeit, der die Hymne der Deutschen geschaffen hat. In den Jahren 1841 und 1843 der berühmte Schweizer Kunsthistoriker Jakob Burckhardt. Im Jahre 1851 der englische Schriftsteller und Historiker Charles Kingsley. Oder, mehr als 100 Jahre später, bundesdeutsche Schriftstellergrößen wie Werner Bergengruen (1953), Wolfgang Weyrauch (1959) und Heinrich Böll (1967). Und dazwischen weniger bekannte Pioniere der literarischen Annäherung an die Eifel wie Hermann Aubel (1895), Julius Gandner (1900), Julius Rehbein (1907) oder Walter Bathe (1925). Der literarische Ertrag dieser mitunter beschwerlichen Fußwanderungen, dieser frühen Postkutschenfahrten, Zugfahrten, Omnibusfahrten und sogar Ballonfahrten: Gedichte von Weltrang, ambitionierte Reisereportagen, jugendbewegte Tagebuchblätter, flüchtige Reiseskizzen oder lockere Wanderplaudereien. Sprachgewaltig mitunter, bilderreich, verklärend oder kritisch, poetisch-phantasievoll oder mehr nüchtern registrierend. Die Wälder und Wildnisse der Ardennen als lyrische Seelenlandschaft, erotisch inspiriert (Petrarca). Stichwortartige Kurznotizen zu Landschaft, Kunstdenkmälern und Erdgeschichte am Laacher See, der mit seinen „gelinden Hügeln und Buchenhainen“ tief beeindruckt (Goethe). Spätromantisch-weinselige Gedicht-Hymnen auf die Ahr und auf das deutsche Vaterland (Jacob Burckhardt). Romantische Verklärung der Eifel als paradiesisch-märchenhaftes Idyll, als Zufluchtsort für Großstädter, in der Westeifel, in der Vulkaneifel oder in der Ahreifel (Aubel, Bathe, Rehbein). Nüchterne wie akribische Registrierung von Sehenswürdigkeiten, Geschichte, Volksleben, Brauchtum, Klima, Bodenbeschaffenheit oder Wirtschaft, nicht immer ohne gönnerhafte Arroganz weltgewandter Großstädter (Gandner).  Oder harsche Klagen über „gottverlassene Käffer“, trostlose Wege, unfruchtbare Böden, unhygienische Lebensbedingungen, unfreundliche Gastgeber oder arrogantes preußische Soldaten und preußische „Forstmonarchen“. Besonders deftig bei August Heinrich Hoffmann von Fallersleben anno 1819, im September: „Eine wahre Lüneburgische Bergheide! Wir können stundenlang gehen und finden dann erst ein Haus, meilenweit und finden ein Dorf oder Städtchen. Überall kleine Berge, Heidekraut, Sandsteppen, dunkle Tannichte, dürftig bebautes Feld, wenig Vieh, und Menschen beinahe gar nicht. In St. Vith erzählt man uns, daß die Wölfe aus den Ardennen herüber fleißige Besuche machten, daß namentlich in der hohen Eifel kein Apfel reifen würde, Korn könne an vielen Orten nicht angebaut werden, die Bienenzucht und Viehzucht gedeihe auch nicht recht, Wein gebe es nur nach der Mosel zu, er gerate aber nur in sehr heißen Jahren“. Und: „Das Wetter scheint sehr unbeständig hier zu sein; wir können kaum eine kurze Strecke wandern, wo uns nicht ein Regenwetter überfällt, und dann haben wir gewöhnlich keinen weiteren Schutz als einen niedrigen Birkenbusch. Die trostlosen Aussichten und die langen Wege, ohne Gelegenheit und Mittel, sich erquickend auszuruhen, ermüden sehr.“ So weit Hoffmann von Fallerslebens Reisefrust in der Eifel. Gleichwohl: Auch wer die Eifel gelegentlich kritisiert, wie der an sich schwärmerische jugendbewegte Wandervogel Walter Bathe im Frühjahr 1913, dem bleibt dennoch die Eifel meist in guter Erinnerung: „Eine leise Sehnsucht nach den dunklen Wäldern, stillen Tälern und blauen Höhen der Eifel wurde in mir wach. Die Eifel lag hinter uns; wir standen im rebenbekränzten Moseltal. Heißes Abschiedsweh bewegte meine Brust. Hatte nicht geglaubt, daß es mir so schwer fallen würde, mich von diesem rauhen, abgeschiedenen Landstrich zu trennen.“ Mehr als hundert Jahre später, in den 1950er und 1960er Jahren: Da erliegen so kritische Intellektuelle wie die renommierten Schriftsteller Werner Bergengruen und Wolfgang Weyrauch oder der Philosoph Gerhard Nebel der Faszination der Eifellandschaft. Für Bergengruen ist die Eifel wegen ihrer enormen Vielfältigkeit geradezu „ein Urbild deutscher Landschaftsgestaltung“. Wie die Lüneburger Heide sei sie erst seit der Romantik neu bewertet und aus ihrem Aschenbrödel-Dasein erlöst worden. Und Wolfgang Weyrauch, eigentlich allergisch gegen das nationale Waldpathos der Deutschen: den überwältigt in der Eifel, nicht zuletzt im Raum Prüm, die menschenlose „verwunschene Waldlandschaft der Eifel“. Und als lebte die Eifeler Sagenwelt wieder auf, scheinen ihm die Hügelwälder oder Waldhügel liegenden Riesinnen gleich, die sich in unbeobachteten Momenten erheben und zu tanzen beginnen. Ähnlich taucht der Philosoph Gerhard Nebel 1964 in seinem Essay „Wiedersehen mit Prüm“ in den Schneifelwäldern in eine verwunschene Märchenwelt ein. Obwohl sie mit ihren bizarren Baumstümpfen noch vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet sind und obwohl die amerikanische Radarstation von den weltweiten Dissonanzen des Kalten Krieges zeugt: „Wir sahen denn auch die Riesenschirme, die sich suchend drehten, aber diese Geräte konnten unsere Waldverzauberung nicht vernichten - wir waren auf einigen Gängen, die uns von der Straße abführten, dem Einhorn begegnet“, beschließt er seinen Essay.

Unversöhnlicher entlarvt da schon der spätere Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll  die Tarnung der Natur in der Nordeifel, im Hürtgenwald. So still und schön und scheinbar friedlich die Wälder, Höhen und Täler auch anmuten, er vergisst nicht bei seinem Waldspaziergang im Jahre 1967, welch blutige Schlacht hier im Kriegswinter 1944/45 getobt hat. Erst recht bewegen ihn die donnernden Starfigther und der nahe Kernreaktor Jülich einmal mehr, für Frieden und Leben zu plädieren. Nahe dem Hürtgenwald, in Langenbroich in der Gemeinde Kreuzau, Kreis Düren, hatte Heinrich Böll 1966 ein Wohnhaus gekauft - eine Autostunde von Köln entfernt. Hier lebte und schrieb er vor allem in den Sommermonaten. Weltberühmt wurde das Haus, als er hier 1974 den ausgewiesenen sowjetischen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn aufnahm - vor den Augen der Weltpresse. Am 16. Juli 1985, vor fast 30 Jahren, verstarb Heinrich Böll in Langenbroich nach langer schwerer Krankheit. Heute bietet das Eifelhaus des Literaturnobelpreisträgers politisch verfolgten Autoren aus aller Welt einen Zufluchtsort auf Zeit.

 Clara Viebigs Eifel. „Hoch oben in den Eifelbergen liegt ein See, dunkel, tief, kreisrund, unheimlich, wie ein Kraterschlund. Einst tobten unterirdische Gewalten da unten, Feuer und Lavamassen wurden emporgeschleudert; jetzt füllt eine glatte Flut das Becken,wie Tränen eine Schale. Es geht hinunter in bodenlose Tiefe. Keine Bäume, keine Blumen. Nackte vulkanische Höhen, gleich riesigen Maulwurfshügeln, stehen im Kranz, zu nichts gut als zu armseliger Viehweide. Mageres Strandgras weht, blasses Heidekorn duckt sich unter Brombeergestrüpp. Kein Vogel singt, kein Schmetterling gaukelt. Einsam ist‘s, zum Sterben öde.
   Das ist das Weinfelder Maar, das Totenmaar, wie‘s die Leute heißen. Es hat keinen Abfluß, keinen Zufluß anders als die Tränen, die der Himmel drein weint. Es liegt und träumet und ist todestraurig, wie alles rings umher.“

Mit einem landschaftlichen Stimmungsbild voller Öde und Einsamkeit, mit Vergänglichkeitsklage und Todestrauer beginnt die Eifeldichterin Clara Viebig eine ihrer berühmtesten Novellen: „Am Totenmaar“. Sie ist eine von sieben Novellen ihres literarischen Debüts „Kinder der Eifel“ im Jahre 1897. Der düstere Kratersee, ein einsames Kirchlein als einziger Überrest eines versunkenen Dorfes, ein verwitterter Friedhof hoch auf dem Berg: Sie stehen für Höhen und Tiefen, für eruptive Gewalten und düstere Erstarrung - nicht nur in der vulkanischen Landschaft, sondern auch im Leben der Eifelbewohner. Einfache Menschen, auf kargen Höhen und in ärmlichen Hütten ein bescheidenes Dasein fristend, und zuweilen doch tragische Helden in jäh wechselnden Höhen und Tiefen des Lebens. Es ist eine Doppeltragödie, die Tragödie von Vater und Tochter, die Clara Viebig in düsterer Totenlandschaft entfaltet. An deren Ende stirbt die junge Tochter stirbt und der Vater endet im Wahnsinn. Es ist eine menschliche Tragödie in drei Akten: Unvermutetes Wiedersehen von Vater und Tochter auf den kahlen Eifelhöhen und jähe Verstoßung nach dem Geständnis der Tochter, auf ihrem Arbeitsplatz in einem Dauner Hotel gestohlen zu haben - aus leidenschaftlicher Liebe zu ihrem Freier Hannes, mit dem sie tanzen gehen möchte. Sodann: stürmische Nacht mit überraschendem Wintereinbruch, quälende Schlaflosigkeit der Eltern und vergebliche Heimkehrversuche der Tochter. Am Morgen schließlich die verzweifelte Suche des Vaters nach der Tochter, die er auf dem Friedhof, in der Türnische des Kirchleins, nur noch erfroren auffindet.

Freudiger Vaterstolz und herber Vatergram, herzlicher Empfang und feindselige Trennung, gefühlvolles Geständnis und gewalttätige Bestrafung, rohe Verwünschung und schließlich Reue: in der Novelle „Am Totenmaar“ entfaltet Clara Viebig ein Staccato jäher Änderungen und Wechsel im engen zeitlichen Rahmen nicht einmal eines Tages. Eine Eruption untergründiger menschlicher Leidenschaften wie einst der Ausbruch vulkanischer Gewalten. Jäh wie der Wechsel der Jahreszeiten, Spiegelbild auch mitmenschlicher Gefühlskälte und letztlich von Totenstarre: wenn der Winter über Nacht den Herbst vertreibt und „ein weißes Totenhemd“ über die Landschaft legt. Umso unheimlicher kontrastiert damit der tiefschwarze Spiegel des Totenmaars, ein majestätisches „Bild des Todes“.

Fünf Novellensammlungen mit mehr als 30 Eifelnovellen, vier Eifelromane und zwei Eifeldramen hat Clara Viebig veröffentlicht. Angesiedelt vor allem im Süden und Norden der Eifel,  in der Vulkaneifel, in der Moseleifel, auf dem Maifeld und in der Nordeifel bis hin zum Hohen Venn. Darüber hinaus hat Clara Viebig, von ihrem Debüt 1897 bis zu ihrem literarischen Verstummen 1935, vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis zum Dritten Reich, zwanzig weitere Romane und vier Novellenbände veröffentlicht. Die sind überwiegend lokalisiert in der Weltmetropole Berlin, wo Clara Viebig seit 1883 lebte und arbeitete, aber auch im Rheinland, an der Mosel und im polnischen Grenzraum, in der ehemals ostpreußischen Provinz Posen. Aus der stammten Viebigs Eltern. Eine Dichterin also zwischen Großstadt und ländlichem Raum. Mit ihren Eifelromanen, Eifelnovellen und Eifeldramen kehrte Clara Viebig in jenen Landstrich zurück, den Sie als 16 Jährige auf den Eifelfahrten mit dem Trierer Untersuchungsrichter Mathieu intensiv kennengelernt hatte: „In den kleinen Eifelgärten, wo wild durcheinander Unkraut und brennende Liebe, Kartoffeln und Sturmhut, Feuerlilien und Nachtschatten wuchern, hörte ich manche Geschichte von Liebe und Haß, von frommen Gelübde und verbrecherischer Schuld, von Wallfahrtswundern und gebrochener Treue, von Habgier, von Missgunst. Wie draußen in der weiten Welt, so war‘s auch hier in der Einsamkeit. Nur daß die Leidenschaften gewaltiger wachsen, sie wachsen ungezügelt, sie werden riesengroß.“  Mit Clara Viebig hat die Eifel als literarische Landschaft erstmals und nachhaltig Eingang gefunden in die deutsche Literaturgeschichte. Sie gilt zu Recht als die literarische Entdeckerin der Eifel, mit genauer Kenntnis der Topographie, der sozialen Strukturen, von Alltagsleben, Sprache, Brauchtum und Volksglauben; mit genauer Milieuerfassung, mit poesievoller Landschaftsschilderung und mit plastischer Menschenzeichnung, besonders von Frauen aus dem einfachen Volk. Ein wirtschaftlich prekäres Lebensumfeld als Hintergrund für Familiendramen, die immer wieder tragisch enden, „in Krankheit, Tod und Mord“ (Regina Neft).  Literaturgeschichtlich zugerechnet wird Clara Viebig dem etwa 1880 aufkommenden deutschen Naturalismus, der den Beginn der literarischen Moderne in Deutschland markiert - mit dem Ziel einer möglichst naturgetreuen, unbeschönigten Wiedergabe der Wirklichkeit vor dem Hintergrund von Industrialisierung, Proletarisierung und Verelendung der Bevölkerung in Stadt und Land. Zugerechnet wird sie auch zuweilen der Heimatkunstbewegung der Jahrhundertwende, um 1900, mit ihrer anti-urbanen Stoßrichtung, mit ihrer Betonung natürlichen Landlebens in Dorfromanen und Bauernromanen - bei Viebig allerdings selten mit idyllisierend-verklärenden Tendenzen und schon gar nicht mit präfaschistischen, völkischen Tendenzen der späteren Blut-und-Boden-Literatur im Nationalsozialismus.

  Clara Viebig ist und bleibt eine der bekanntesten und erfolgreichsten Autorinnen der Jahrhundertwende um 1900 und die literarische Entdeckerin der Eifel. Nach 1935 lange in Vergessenheit geraten, wird sie seit den 1980er Jahren nach und nach wiederentdeckt - zuweilen mehr von der Literaturwissenschaft und von der Volkskunde als von einer breiten Leserschaft oder gar von renommierten Verlagen.

 Meine sehr geehrten Damen und Herren, „eines Menschen Zeit“ - mit diesen drei Worten, angelehnt an den Schriftsteller Peter Bamm, habe ich meinen Beitrag zum Eifelvereinsjubiläum im Eifeljahrbuch 2012 begonnen. In dem habe ich dem Eifelverein gedankt - und möchte es heute Abend wieder tun - für jahrzehntelange Unterstützung bei der Beschäftigung mit der Eifel in der Literatur. Ich habe gedankt für die Nutzung der Eifelvereinsbibliothek auf der Genovevaburg zu Mayen - eine Fundgrube für zeitentiefe Literaturrecherchen. Ich habe gedankt für die Unterstützung durch die Zeitschrift „Die Eifel“ und das Eifel-Jahrbuch. Hier habe ich seit zwanzig Jahren veröffentlicht über literarische Themen, die ich heute Abend nicht einmal ansprechen konnte: über die Entwicklung des Eifelkrimis von 1994 bis heute etwa; über die Kinder- und Jugendbücher zur Eifel; über Eifeler Brauchtum im Spiegel der Literatur; über den Nürburgring oder die Schneifel  als literarische Landschaft; über Eifelklöster im Spiegel der Literatur; über Mario Adorf oder Jacques Berndorf als literarische Botschafter der Eifel.

Eines Menschen Zeit, eines Redners Zeit - einige wenige, kurze Leseimpulse und Empfehlungen zum poetischen Eiland Eifel seien mir dann doch erlaubt. Lesen Sie doch bitte Alfred Andersch: seine anarchische Lust, gerade im deutsch-belgischen Grenzraum Grenzen zu überschreiten, zu verwischen, aufzulösen: zwischen benachbarten Staaten, zwischen Zivilisation und Natur, zwischen Rationalität und Irrationalität - in seiner Kurzgeschichte „Die Letzten vom Schwarzen Mann“ von 1961. Tauchen Sie ein in das  Alterswerk und Meisterwerk von Alfred Andersch, in seinen Roman „Winterspelt“, 1974 erschienen: ein schier unausschöpfliches Romanpanorama von menschlichen Widerstandsmöglichkeiten in einem sinnlosen Vernichtungskrieg, angesiedelt in dem Schneifeldorf Winterspelt an der deutsch-belgischen Grenze. Verschlingen Sie den klassischen Gegenwartsroman „Eifel“ des in Trierer lebenden Schweizer Autors Walter Schenker: ein Roman von Heimatverlust und Heimatsehnsucht, der förmlich süchtig macht nach den „sanften Linien der Eifel“. Und, nicht zuletzt, genießen Sie den vielbändigen Erzählkosmos von Norbert Scheuer aus Kall in der Nordeifel - hier avanciert die Eifel zum Spiegel der ganzen Welt. Aktuelles zu ihm habe ich geschrieben in der zweibändigen „Festschrift 125 Jahre Eifelverein“ - umfangreicher als mein heutiges Redemanuskript zum „Glück literarischer Reisen durch die Eifel“.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ob Sagen oder literarische Reiseberichte, ob Romane oder Novellen oder Kurzgeschichten zur Eifel: Es versteht sich von selbst, dass die literarische Darstellung einer konkreten geographischen Gegend noch nicht als unmittelbares Abbild einer Region betrachtet werden kann. Aber genau das, diese Trennlinien zwischen Imagination und Realität und ihre immer neuen Vermischungen im Wandel der Zeit, im Wechsel der Autorentemperamente, im Wechsel der subjektiven Sichtweisen, der Schreibstile, der Themenakzente, der Textstrukturen, der Schauplätze, der Menschenbilder, der Weltbilder - diese immer neuen Lesebäder mit neuen, anregenden Perspektiven auf vermeintlich vertraute, schon alltäglich gewordene Eifelwelten machen den Lesereiz aus - machen das Glück literarischer Reisen durch die Eifel aus. Lesend wird so die Eifel als erzählte Provinz immer neu entgrenzt und verfremdet, im Spannungsfeld von Ferne und Nähe, von Begrenzung und Entgrenzung, von Bekanntheit und Fremdheit, von Fiktion und Wirklichkeit. Mit Jean Paul gesprochen: „Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne.“ Oder mit einem Zitat von Marcel Proust über die Wirkungskraft der Literatur, aus dem ersten Teil seines Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ - vor genau 100 Jahren beendet: „In die Champs Elysées zu gehen war mir unerträglich. Hätte sie nur Bergotte in einem seiner Bücher beschrieben, dann hätte ich zweifellos gewünscht, sie näher kennenzulernen wie alle Dinge, die, dichterisch nachgeformt, in meine Phantasie Eingang gefunden hatten. Die nämlich erwärmte sie, erfüllte sie mit Leben, gab ihnen ein Gesicht, und dann wünschte ich mir, auch in Wirklichkeit ihnen zu begegnen.“

Es wäre schön, wenn man dieses Leseglück in der literarischen und in der realen Begegnung mit der Eifel auch über diesen Abend hinaus vermitteln könnte. Etwa in einem schön gestalteten, kompakten und erschwinglichen literarischen Reiseführer durch die Eifel, für Individualreisen oder Gruppenreisen und - wanderungen, mit erhellenden Eifelzitaten von Autoren, die längst in fernen Archiven verschollen sind. Es wäre eine literarische Visitenkarte der Eifel.

Oder mit einer praxisorientierten didaktisch-methodischen Handreichung für die Schulen  - für fächerübergreifende literarische Spurensuchen junger Menschen in der Eifel. Auf den Spuren von Andersch und Böll, von Bergengruen und Weyrauch, von Goethe und Petrarca, von Hemingway oder Jacques Berndorf - neben vielen längst vergessenen Autoren, die gleichwohl immer wieder die Eifel einprägsamer beschrieben haben als mancher phrasengeneigte Texter einer Touristinformation.

Mit diesen zwei Anregungen für literarisch interessierte Eifelfreunde möchte ich schließen. Damit wir bei diesem stolzen Jubiläum „125 Jahre Eifelverein“ nicht nur zurückgeschaut haben, sondern auch Anstöße gegeben haben für die Zukunft - über den heutigen Abend hinaus.              Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!  ***