Wolfgang Weyrauch

Geboren am 15.10. 1904 in Königsberg, gestorben am 07.11. 1980 in Darmstadt.
Schriftsteller (Erzählungen, Gedichte, Hörspiele, Essays).
Der Sohn eines Landvermessers besuchte nach dem Abitur die Schauspielschule in  Frankfurt am Main. Engagements in Münster, Bochum und Thule/ Harz. Anschließend Studium der Germanistik, Romanistik und Geschichte an den Universitäten in Frankfurt am Main und Berlin. Seit 1929 freier Schriftsteller, im Wechsel mit Tätigkeiten als Redakteur und Lektor, z.B. von 1950 bis 1958 beim Rowohlt-Verlag in Reinbek bei Hamburg. Prägte nach dem 2. Weltkrieg den Begriff vom „Kahlschlag“, gemeint als Aufforderung zur radikalen Erneuerung in der deutschen Nachkriegsliteratur. Gilt als Vorkämpfer literarischer Experimente. Beeinflusste stark die Entwicklung des Hörspiels in Deutschland. War einer der ersten Mitglieder der berühmten „Gruppe 47“. Entdeckte und förderte viele heute bekannte Autoren.

Die Eifel als Land der Stille und Einsamkeit – gäbe es nicht amerikanische Düsenjägerpiloten

HUNDERT WÄLDER AUF HUNDERT HÜGELN. Was ich in der Eifel erlebte,

in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 73, 28. März 1959 (Beilage „Bilder und Zeiten“, Seite 1).
Mayen, Trier und Prüm sind die Zentren, von denen aus Weyrauch die Eifel erkundet hat. Vom Oster der Eifel in den Nordwesten führt ihn seine Erkundungsfahrt, per Bahn, per Bus, zu Fuß. Das ganz persönliche Erleben von Land und Leuten steht dabei im Vordergrund. Beschrieben mit bilderreicher Phantasie, geschichtsbewusst und politischer engagiert, aufgeschlossen für Experimentelles und Heterogenes. Gerade die Mengung des Heterogensten ist es, die ihn im Raum Mayen verweilen lässt. Der kühne Arbeitsplatz eines Grubenarbeiters, die kühne Architektur der St.Veit-Kirche von Professor Böhm, der wilhelminische Bahnhof von Ettringen oder die würdevoll-heitere Atmosphäre in der Abtei Maria Laach: Politisches und Religiöses, Profanes und Sakrales, Alltagsroutine und Erhebung über den Alltag – das mischt und mengt sich und fügt sich für Weyrauch zu einer Harmonie. Selbst die Maare zeigen da zwei Gesichter: ein Taggesicht (Touristen/ Zivilisation) und ein Nachtgesicht (urwüchsige Natur). Die Gegenwelt zu den Maaren, „Hügel und Wald“, sind für Weyrauch die prägenden Elemente der Eifel schlechthin. Den ausgedehnten Eifelwald preist er als „Wald der Wälder“, in seiner „Menschenlosigkeit und Waldhaftigkeit“ noch Harz und Schwarzwald übertreffend. Eine gute Gelegenheit für Weyrauch, ideologiekritisch mit nationalem Waldpathos à  la „deutsche Wälder“ aufzuräumen und umso mehr von der verwunschenen Waldlandschaft der Eifel zu schwärmen. In Prüm, im Nordwesten, hat Weyrauch dieses Walderlebnis gehabt. So beeindruckend, dass er sogar in der Darstellung die Reisechronologie durchbricht und noch vor seinem Ausgangspunkt Mayen von seinen verträumten Waldwanderungen bei Prüm erzählt. Hat er schon eingangs seines Aufsatzes in den roten Triebwagen der Bundesbahn phantasievoll „verzauberte Kutschen“ gesehen, vom Eifelgeist angetrieben und von unsichtbaren Tieren zur geheimen Hupverständigung genutzt, so personifiziert und verlebendigt er auch den Eifelwald. Liegenden Riesinnen ähnelt die Landschaft, Riesinnen, die nach Weyrauch erst in den Nacht ihren Bewegungszauber entfalten. Prüm steht als drittes Zentrum der Reise auch am Ende des Berichts (nach Zwischenstopp in Trier). Unterwegs dorthin beobachtet er menschliche Anmut (zärtliche Annäherung eines amerikanischen Soldaten an eine Deutsche im Bus) ebenso wie militärische Rücksichtslosigkeit gegenüber der Landschaft. Den amerikanischen Düsenjägerpiloten und ihren lärmenden Übungsflügen gilt Weyrauchs Empörung. Mit dem „Land Kanaan“ vergleicht er in diesem Zusammenhang die  Eifel, mit einer „akustischen Sintflut“ die donnernden Übungsflüge über einem Land der „Stille, Einsamkeit, Unschuld“. In denkbarem Kontrast zu den lärmenden Donnervögeln steht das Kreisen der Krähen rund um die Basilika in Prüm und die völlige Ruhe und Abgeschiedenheit in einem Dorf am Fuß der Schnee-Eifel. Ein ganz Dorf versinkt scheinbar im „Dornröschenschlaf“, Hunde, Kühe und Hühner eingeschlossen. Des Rätsels Lösung: Beerdigung war, und alle hatten teilgenommen. Für Weyrauch ist das ein ergreifendes Bild inniger Verschränkung der Schöpfung. Mit diesem Bild entlässt er den Leser, schließt er seinen Reisebericht aus der Eifel.

Weitere Werke: Der Main. Legende (1934), Auf der bewegten Erde. Erzählung (1946), Mein Gedicht ist mein Messer (1955), Die japanischen Fischer. Hörspiel (1956), Geschichten zum Weiterschreiben (1969), Mit dem Gedicht durch die Wand. Geschichten, Gedichte, Essays und ein Hörspiel (1972).