Ursula Krechel

Geboren 4.12. 1947 in Trier. Erzählerin, Lyrikerin, Hörspielautorin.

Studierte seit 1966 Germanistik, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte in Köln. Promotion 1972 mit einer Arbeit über den Theaterkritiker Herbert Ihering. Seit 1972 freie Schriftstellerin. Auszeichnungen und Preise u.a.: Internationaler Eifel-Literatur-Preis (1994), Martha-Saalfeld-Förderpreis (1994), Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis (1997),  Rheingau-Literaturpreis (2008),  Deutscher Kritikerpreis (2009),  Düsseldorfer Literaturpreis (2009), Joseph-Breitbach-Preis (2009), Kunstpreis Rheinland-Pfalz (2009),  Deutscher Buchpreis (2012) für „Landgericht“.

Sizilianer des Gefühls. Erzählung, Frankfurt a.M. 1993.

Von der Kaiserzeit über die Nazizeit bis in die bundesdeutsche Nachkriegszeit: Familiengeschichte als Spiegel der Zeitgeschichte.

Eifelbezüge:  Östliche Vordereifel mit Maria Laach.  Dazu: Trier.

„Carlo wird weggeführt mit seinem stummen Mund. Willig gehen die Füße dem Mund voraus.“ Mit dem plötzlichen Verstummen des Schauspielers Carlo Saager mitten in einer Theateraufführung endet Ursula Krechels Erzählung „Sizilianer des Gefühls“. Und sie beginnt doch eigentlich damit. Denn der Verlust der Sprache führt Carlo auf die Couch der Psychoanalytikerin Narcisa Roudinesco. Diese bewegt ihn zur autobiographischen Suche nach den „Wurzeln“ des Verlusts und damit seiner ganzen Existenz. Bis in die 1870er Jahre und in ein kleines Dorf „auf der baumlosen Hochfläche der Eifel“ führen die Erinnerungen. Da ist zunächst der Großvater Bruno, ein armer, kinderreicher Kleinbauer und Dorfposthalter. Der leidet unter der „Hartherzigkeit“, dem „Geiz“, der „Roheit“ und der „Bauernschläue“ im Eifeldorf.  Sein schriftlich  überlieferter „Lebensbericht“ reiht in enger Datenfolge Unglück und Abstieg. Erst die Heirat mit der zweiten Frau in Maria Laach im Jahre 1897 (nach dem frühen Tod der ersten Frau) mindert den Leidensdruck und lichtet die „Schwärze“ des Anfangs. Der Kredit eines jüdischen Viehhändlers stützt zusätzlich den bescheidenen Umschwung und Aufstieg. Zwölf Kinder in 16 Ehejahren, wovon neun das Erwachsenenalter erreichen: Das ist die Ehebilanz der Familie. Nicht denkbar ohne den Fleiß, die Zähigkeit und Robustheit der Frau bei der Haus- und Feldarbeit. An diesen Großvater Bruno denkt Carlo gerne, obwohl er ihm nie begegnet ist. 1934 ist Bruno gestorben.
Weniger gerne denkt Carlo an seinen Vater Joseph, das fünfte Kind seines Großvaters. Mit seinem Vater Bruno hat Joseph nur die Vorliebe für Bücher gemein. Der Besuch eines Klosterinternats mit Abitur, Absonderung von den Geschwistern, ein außenseiterisches Studium bis 1932, dann – nach kurzer Arbeitslosigkeit – Aufstieg zum Rassenreferenten in einem Ministerium in der Reichshauptstadt Berlin: Joseph aus der  Eifel, kleinbäuerlicher Herkunft, macht trotz allen Eigenbrötlertums Beamtenkarriere im „Dritten Reich“. Er überwindet seine vielfältigen Ängste „durch Härte gegen sich selber“. Er macht seine „Neigung, das Dunkle zu erfassen“, für rassisch fundierte „Führerauslese“ und „typologische Menschenkunde“ nutzbar. Nach dem 2. Weltkrieg verzichtet Joseph aus gutem Grund auf die Entnazifizierung. Er taucht zunächst in einem Kloster unter, bis er in der Bischofsstadt Trier in den Dienst der Kirche eintritt. Er ist verbittert über das Versagen des Staates, dem er die „Vernichtung seiner Existenz nach dem Krieg“ nie verzeiht. Auch Ehefrau Margarete hadert damit. Sie hat er 1941 geheiratet. Er hatte sie 1938 zunächst als Sekretärin aus der Eifel nach Berlin geholt. Es wird eine „christliche Ehe“, die das  Wort „Lust“ kaum kennt. 1944 kommt eine Tochter zur Welt, in der Nachkriegszeit dann der „Wunschsohn“ Carlo. Der entwickelt sich allerdings zum Leidwesen des Vaters ausgerechnet zu dem, was die nationalsozialistische Rassenkunde als „Gegentypus“ bezeichnet hatte: zum Unmännlichen, Unheroischen, Weibischen, Unsoldatischen. Ein „schwuler Sohn“, bemüht, sich zunehmend väterlich-nationalsozialistischen Erziehungs- und Einordnungsrastern zu entziehen. Die Geschichte von Vater Joseph und Sohn Carlos wird so zu einer Geschichte zunehmender Entfernung und nachhaltiger Entfremdung. Was er seinem Vater und der elterlichen Ehe überhaupt vorgeworfen hatte: „Verlust von Lust“, Gefühlsarmut und Unfähigkeit zum reuelosen Lebensgenuss, das versucht Carlo zu überwinden: durch großzügigen homosexuellen Lebenswandel (schon in Trier) und durch eine erfolgreiche Karriere als Schauspieler. Damit lässt Carlo kleinbürgerliche Enge hinter sich. Er probiert sich aus in vielfältigem Rollenspiel. Immer mehr empfindet er sich als „der verlorene Sohn“ (den freilich niemand vermisst), als „entarteten Sohn“, wurzellos. Am Ende ist er schmerzlich gescheitert mit seinen Rollenspielen,  mit seinen unsteten Beziehungen, mit seinem „wirren“ und „schweifenden“ Wesen. Auch Carlo hat es, wie seinen Vater Joseph, hingezogen ins „Dunkle“: hier ins Dunkle der Leidenschaften und der geschlechtlichen Begierden.
Carlos Geschichte und die Geschichte seiner Eltern und Großeltern, vom Kaiserreich bis in die Nachkriegszeit des Bundesrepublik reichend, wird nur zu einem geringen Teil direkt auf der Couch der Psychoanalytikerin erzählt. In seiner Rolle als „Patient“ verharrt Carlo lange in der Sprachlosigkeit. Er zieht es vor, die hinter ihm sitzende Frau mit eloquenten Briefen zu umgarnen. In das versuchte Therapiegespräch mit eingestreuten Patientenbriefen wird von einem distanzierten Erzähler sukzessive die Familiengeschichte eingeblendet.  Carlos zunehmende Entfremdung von der katholischen Umwelt spiegelt sich dabei im Wegzug des jüdischen Schuhhändlers Sternschein in der Trierer Saarstraße. Geschäftlich isoliert,ist er in den Nachkriegsjahren nie „jüdischer Mitbürger“ geworden, sondern ein „Fremder“. Mitte der 60er Jahre gibt er sein Geschäft auf, zum zweiten Mal „vertrieben“. Carlos Großvater Bruno hatte noch geschäftliche Unterstützung durch einen jüdischen Viehhändler erfahren. Als sein Vater Joseph 1938 aus der Provinz in die Reichshauptstadt Berlin kommt, brennen gerade die Synagogen. Persönlich will er keine Juden gekannt haben: „ Joseph behauptete, keine Juden persönlich zu kennen. Menschen, die man  nicht kennt, sind Leute. Leute, die man nicht kennen will, bleiben Leute. Viele, viele Leute, die abtransportiert werden. Schöne innenstädtische Wohnungen werden frei.“
Auf der Suche nach Liebe findet Carlo vor allem bei den Fremden in Trier Nähe und Geborgenheit, nicht zuletzt in den seelenarchäologischen Tiefen der römischen Thermen. Je weiter die Erzählung voranschreitet, um so weiter greift sie zurück. Je mehr sich Carlo seinem „schweifenden“ Leben in der Domstadt Trier hingibt und sexuelle Tabus bricht, umso mehr denkt er an die harte Arbeit, an das Ordnungsstreben und an die Moralvorstellungen seines Großvaters Bruno in der kleinen Eifelwelt: „Das Feld, auf dem er ackert, ist schmal. Will er es vergrößern, muß er tüchtig sein. Baumlosigkeit, kalte Winde, Äcker mit dürftigem Ertrag. Der Reichtum sitzt in den Flußtälern, die Städte sind weit entfernt. Es scheint, daß in den Städten auch die Sünde sitzt. Das weiß Bruno nicht so genau, aber andere sagen es. Die Sünde muß rosafarben und fett sein, sehr weich, fleischlich eben. Er kennt sie nicht und meint, daß es besser so sei. Doch im Dorf wird auch gesündigt, aber das sind keine Sünden, über man munkeln muß. Sie heißen Hartherzigkeit, Geiz, Roheit.“ Mehr Kontinuität als Bruch registriert die Erzählung in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit. „Die neue Gesellschaft braucht ihre alten Fachkräfte“, heißt es lapidar. Da erfährt Carlo, wie seine Lehrer ihren Kriegseinsatz heroisieren. Wie jüngere Lehrer einmal mehr auf Karriere via Parteibuch setzen. Wie dem Vater Joseph nach wie vor die nationalsozialistische Rassenlehre mit ihrer klaren Scheidung von „gesund“ und „krank“, von „wertvoll“ und „wertwidrig“ als Erziehungsrichtlinie gilt. Nur zufällig kommen den Kindern die Greuel der Nazi-Vergangenheit ungeschminkt auf den Tisch. Einmal wacht der kleine Carlo des Nachts bei Verwandten in der Eifel auf und tappt arglos in die Bauernküche. Da betrachten Tanten und Onkel Kriegsfotos, auf denen erhängte Feinde zu sehen sind. Krechels Erzählung lässt offen, ob Carlo mit dem autobiographischen Gang zu den Quellen seiner Existenz auch seine Sprache wiederfindet. Mit der Familiengeschichte spiegelt sie aber auch so deutsche Geschichte in drei Generationen, im Spannungsfeld der Zeiten und Räume. Detailgenau und sinnlich konkret beschrieben, atmosphärisch dicht erzählt.
Auf die Unfähigkeit, „auf die Gefühle zu vertrauen, deren verschüttete Leidenschaft nach innen wächst“, weist laut Klappentext der Titel der Erzählung „Sizilianer des Gefühls“. Die Erzählung versucht eine Herleitung des Titels erst kurz vor Schluss, nicht sonderlich plausibel. Als „verhältnismäßig klein“ empfindet Carlo seine Verwandten, die zu einer Geburtstagsfeier von Joseph zusammengekommen sind. „Ihm kommen seine Leute wie Sizilianer vor, doch wie keine wirklichen Sizilianer, eher wie Theatersizilianer, wenn es das gibt. (...) Der Gebrauch von Waffen steht ihnen nicht zu.  Sizilianer des Gefühls.“

Weitere Werke: u.a. Erika (Theaterstück, 1973), Nach Mainz! Gedichte(1977), Verwundbar wie in den besten Zeiten. Gedichte (1979), Zweite Natur. Roman (1981), Kakaoblau. Gedichte (1989), Die Freunde des Wetterleuchtens. Erzählungen (1990), Landläufiges Wunder. Gedichte (1995), Verbeugungen vor der Luft. Gedichte (1999), Der Übergriff. Erzählung (2001), Stimmen aus dem harten Kern. Poem (2005), Shanghai fern von wo. Roman (2008), Landgericht. Roman (2012).