Tomas Stefan

(das ist Stefan Tomas Gruner)
Geboren am 12.02. 1943 in Leipzig. Verhaltenstrainer, Schriftsteller.
Übersiedlung der Familie nach München (1949), später nach Bonn. Besuch einer katholischen Internatsschule in Euskirchen. Diverse Studien und Tätigkeiten, u.a. zwei Jahre als Grundschullehrer und Fortbildungsreferent der pharmazeutischen Industrie. Seit den 1980er Jahren schriftstellerisch tätig unter dem Pseudonym „Tomas Stefan“. Seit Anfang der 1990er Jahre selbstständiger Verhaltenstrainer in Bielefeld.

Internatsdrama im Euskirchen der 1950er Jahre

Knieriesen. Roman,

Hildesheim 1992.
Julians Geschichte im Franziskanerinternat Euskirchen ist eine Geschichte der Disziplinierung, der seelischen Verödung und Verkrüppelung, letztlich eine Geschichte der Entmenschlichung. Dem Züchtiger ist der Zögling nur das Objekt der Unterwerfung und Beherrschung. „Gliederbrecher von damals“ nennt Stefan die Franziskanerpater. Sein Schreibmotiv für diese autobiographische Geschichte, meist in der personalen Distanz („Er“) verfasst: „abzurechnen aufzuräumen niederzusensen was mich erstickte“. Über das Autobiographische hinaus ist die Geschichte Julians eine „Parabel für körperliche, geistige und seelische Gewalt“ . Typographisch sind zwei Textsorten unterscheidbar. Kommalos, kleingeschrieben, fett und schmalspaltig gedruckt sind die kapiteleinleitenden Texte: Stationen der Persönlichkeitsvernichtung in allgemeinen Reflexionen und Sentenzen. Die Geschichte Julians im Franziskanerinternat Euskirchen erzählen jeweils die anschießenden Kapitel, in üblichem Druckbild wiedergegeben, stets bemüht um Abstrahierung vom Einzelfall. Am Anfang des Romans steht die Aufnahme Julians in das Internat. Als „unschuldigen Kriegsgeschädigten“ aus „vaterloser Familie“ sieht ihn der Anstaltsleiter an. Er ordnet ihn ein als typisches Nachkriegsschicksal, ohne nach der konkreten Familiengeschichte zu fragen. Die folgenden fünfeinhalb Internatsjahre sind aus katholischer Sicht „Stufen der Läuterung“: mit „absoluter neugeburt“als Ziel. Isolation und Entwurzelung sind Schritte der systematischen Ich-Auslöschung und Persönlichkeitsvernichtung. Die Mittel: „körperverspottende Kleiderordnung“, „ein abgefeimter Haarschnitterlaß“, „Heimgeld für den internen Handelsverkehr“, strenge Briefzensur und ein versklavendes Zeitkorsett innerhalb und außerhalb der Heimgrenzen. Das Internat wird zum „beherrschbaren Ort“, der en. „fremdbestimmte Mensch zur Kopie eines anderen. „Ich, das ist ein anderer“, klagt Julian. Die Gewaltexzesse zeigen, wie die Geschlagenen zu Schlägern werden und wieder zu Geschlagenen – die Ausweglosigkeit der aufgestauten Wut. Liebe, im samstäglichen
Aufklärungsunterricht immer wieder tabuisiert, reduziert sich auf sexuelles Masturbantentum. „Willst du mich lebensuntauglich? Liebesunfähig? Es ist dir gelungen“, schreibt Julian in einem Brief an die Mutter,  den er an der Zensur vorbeischmuggelt. Als der körperlich Geschundene und geistisch-seelisch Verkrüppelte nach fünfeinhalb Jahren das Internat verlassen darf, fühlt er sich draußen erst recht „ganz drin“. So sehr hat er die mönchische Menschenfolterung verinnerlicht.  Als amputierter Mensch tritt er in die ungewohnte Freiheit: „Die Leute meinen, du gehst auf Füßen, aber deine Beine enden am Knie. Ein Rumpfkörper im Großformat, Knieriese du“, lauten die letzten Zeilen dieses eindringlichen Internatsromans.

Weitere Werke: Unheilbar fleischig (1986), Zum Abschied Grillen (1993), Der Macher (1995), Königskinder (2008), Ewige Beginner (2008), So wie so (2009).