Matthias Zender

Geboren 20.4. 1907 Niederweis bei Bitburg; gestorben 20.12. 1993 Bonn.
Dr. phil.; bis zur Emeritierung 1975 Professor für Volkskunde an der Universität Bonn. Ehrenbürger der Gemeinde Niederweis. Liegt do. Aufrt begraben.
Nach dem Abitur am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium Trier Studium der Volkskunde, Geschichte und Germanistik an der Universität Bonn. 1938 Promotion, 1954 Habilitation an der Universität Bonn. 1960 Übernahme des Lehrstuhls für Volkskunde am Institut für geschichtliche Landeskunde an der Universität Bonn, bis zur Emeritierung 1975.  Befasste sich in zahlreichen Veröffentlichungen mit landeskundlichen, sprachwissenschaftlichen und volkskundlichen Themen, mit Kulturraumforschung, Volksglaube, Volksbrauch, Volkserzählung und Volkssprache. Seine wissenschaftliche Arbeit fand weit über die Grenzen Deutschlands hinaus große Anerkennung. Er erhielt neben  vielen weiteren Auszeichnungen und Ehrungen das große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Sagen und Geschichten aus der Westeifel.

Gesammelt und herausgeben von Matthias Zender. Um ein Vorwort erweiterter Nachdruck der Ausgabe 1966, zugleich 3. Auflage der 1935 herausgegebenen Volkssagen der Eifel.

Volkstümliches Erzählen in der Westeifel zwischen den beiden Weltkriegen – eine unschätzbare Geschichtensammlung. Bäuerliche Vorstellungswelt letztmals in ihrer vollen Entfaltung.
Eifelkreise: Bitburg und Prüm, Teile des Kreises Trier nördlich der Mosel, teilweise aus
                      den Kreisen Daun, Schleiden, Adenau und Wittlich sowie aus der Gegend
                      um Bütgenbach und St. Vith (heute DG Belgiens).

Zenders Erstlingswerk ist die bis heute maßgebliche Sagensammlung zur Westeifel. Aufgezeichnet wurde sie auf Kundfahrten in den Jahren 1929 bis 1936. In jedem Dorf besuchte der junge Student Matthias Zender nach Möglichkeit zunächst den Lehrer und fragte bei ihm nach möglichen Erzählern. Er fragte auch nach in Gastwirtschaftlichen, Geschäften oder Posthilfsstellen. Er stieß auf ältere Bauern, die das Vieh hüteten, vor der Haustür in der Sonne saßen und sich als gute Erzähler erwiesen. Nicht selten nannten sie weitere Personen aus ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis, die Sagen und Geschichten wussten. Rund 400 Erzähler konnte Matthias Zender so befragen. „Gewöhnliche stellte ich nun meinen Erzählern zuerst die Frage, ob sie noch solche Geschichten wüßten, wie sie im Winter abends erzählt würden, wenn man beieinander sitzt, so von alter Zeit, von Hexen und Gespenstern, überhaupt alles, was da erzählt würde. Dann ließ ich meine Erzähler reden; erst wenn sie keine Erzählungen mehr wußten, fragte ich, stellte aber die Fragen ganz allgemein und so, daß es möglichst wenig nach Fragen aussah. Ich teile hier die Stichwörter meine Fragen mit, die ich dabei benutzte: Tempelherren, Raubritter, Schweden, dreißigjähriger Krieg, Franzosenzeit, alte Burgen, ausgestorbene Dörfer, Kirchen, Klöster, Kreuze, Glocken, Geldfeuer, vergrabenes Geld, Deutung von Orts-, Haus- und Flurnamen. Heinzelmännchen, Riesen, Wilde Jagd, Irrlichter, gespensterhafte Tiere und Menschen, Hexen, Kühe vs der Gegerhexen, Hexen als Wettermacher, als Gespenster, Werwölfe, Mahre, Druckgeister, der Jäger auf der Jagd, Tote, zurückkehrende Tote, Vorbedeutungen. Geistliche und ihre Gewalt, Schwarzkunst, Gesundbeten, Legenden, religiöse Vorstellungen, Wundergeschichten, Sonntagsentheiligung, Schwänke, Dahnen, Wiesbaum, Eulenspiegel. Märchen, Geschichten für Kinder. Nach Einzelheiten einer bestimmten Sage fragte ich nie, „da ich den heute noch lebenden Sagenbestand aufnehmen wollte und die Erzähler nicht beeinflussen wollte“, schreibt Zender im Vorwort zur Erstausgabe 1935. Mehr als 10.000 Geschichten konnte Zender zusammentragen. Davon veröffentlichte er etwa ein Viertel in Buchform. In Gerüstform mitgeschrieben in Gegenwart des Erzählers, in dessen gewohnter Umgebung, meist in Mundart. Später möglichst wortgetreu ergänzt im Straßengraben am Dorfrand oder des Nachts im Gasthaus, solange die Erzählung noch im Ohr klang. So erfasst Zender auch ohne Tonband und ohne lautliche Präzision immerhin „die Erzählart, den Sprachduktus und die Geschichten in ihrer ganzen Fülle und Eigenart“. (Vorwort 1965) Die Geschichten entstammten besonders der Gegend um Bütgenbach und St. Vith, den Kreisen Bitburg und Prüm und Teilen des Kreises Trier nördlich der Mosel. Bei der zweiten Auflage wurden solche Aufzeichnungen aufgenommen, die bei Abschluss der ersten Auflage noch gar nicht vorlagen – vor allem aus dem Kreis Daun und aus einigen Orten der Kreise Schleiden, Adenau und , „daß selbWittlich. In diesen Kreisen und Orten wurden die Sagen und Geschichten um 1930 noch lebendig tradiert oder waren zumindestens noch bekannt.
Das Schwergewicht der Sammlung liegt bei den Gespenstersagen (1966: 497 Nummern), bei den Hexensagen (415 Nummern) und den geschichtlichen Sagen (306 Nummern). Gefolgt von „Sagen von Geistlichen und ihrer Gewalt“ (164 Nummern), von „Sagen vom Tod und von Toten“ (135 Nummern) und „Sagen über religiöse Dinge und Begebenheiten“ (129 Nummern). Jeweils rund 100 Nummern umfasst die Gruppe der Schatzsagen und der Teufelssagen. Alle diese Sagengruppen sind in Zenders Kapiteleinleitungen eingehend erläutert. 1936 brach Zender die Sagenfahrten aus persönlichen Gründen ab. Eine Wiederaufnahme im Jahre 1938 verhinderten die politischen Veränderungen wie der Westwallbau, die Einquartierung vieler Fremder in den Bauernhäusern, Unruhe und Spannungen in den Eifeldörfern. Erst erwies sich nach dem 2. Weltkrieg eine Fortführung der Kundfahrten als schwierig. Denn in der hartgeprüften Westeifel hatten sich die Verhältnisse so gewandelt, „daß selbst gute Erzähler von 1930 nun nur noch Bruchstücke wußten oder neue Vorstellungen eingedrungen, andere ihr Gewicht verändert hatten.“ Umso wichtiger ist Zenders Sammlung als eine Dokumentation volkstümlichen Erzählens in der Westeifel zwischen den beiden Weltkriegen. Mit wehmütigem Gedenken an seine längst verstorbenen bäuerlichen Erzähler beschließt Zender das Vorwort der zweiten Buchauflage 1965: „Mir selbst hat die Beschäftigung mit diesen Niederschriften die Erinnerung an jene Stunden meiner Studien- und Assistentenjahre wachgerufen, in denen ich bei den Erzählern saß, mit ihnen lebte und dachte und dabei eine in sich geschlossene, einheitliche und festgegründete Vorstellungswelt noch in ihrer vollen Entfaltung erleben durfte, die nun für immer wenigstens in den traditionellen Formen geschwunden ist. So beschieße ich die Arbeit an diesem Band, fast dreißig Jahre nach der letzten Aufzeichnung, in dankbarem Gedenken an alle Erzähler meiner damals noch bäuerlichen Heimat, die heute schon alle aus dieser Welt abberufen sind.“ Rund ein Drittel der nach neun Großgruppen geordneten Sagen ist in Mundart aufgezeichnet und zum besseren Verständnis sinngetreu ins Hochdeutsche übertragen. Rasch und zuverlässig erschließen vielfältige Verzeichnisse, Anmerkungen und Register etwa zu Erzählern und Orten den Sagenschatz einer untergegangenen bäuerlichen Welt.

Es folgt in Kürze:

Volksmärchen und Schwänke aus Eifel und Ardennen. Gesammelt und herausgegeben von Matthias Zender. Erweitere Neubearbeitung der 1935 erschienenen „Volksmärchen und Schwänke aus der Westeifel“, Bonn 1984.