Heinrich Böll

Geboren 21.12. 1917 in Köln, gestorben 16.7. 1985 in seinem Landhaus in der Eifel in Kreuzau-Langenbroich bei Düren. Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays. Nobelpreis für Literatur 1972.  Der Sohn eines Kunsttischlers besuchte Volksschule und Gymnasium in Köln, Abitur 1937. Nach Buchhändlerlehre (abgebrochen), ersten Schreibversuchen, Reichsarbeitsdienst und Studienbeginn zur Wehrmacht einberufen (mit Kriegsbeginn 1939). Nach Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1945 Rückkehr nach Köln. Erste Veröffentlichungen ab 1947. Seit 1951 freier Schriftsteller. 1970 bis 1972 Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland, 1971 bis 1974 Präsident des internationalen PEN. Zahlreiche Auszeichnungen und Preise, u.a. 1951 Literaturpreis der Gruppe 47, 1967 Georg-Büchner-Preis, 1972 Nobelpreis für Literatur. Seit 1983 Ehrenbürger seiner Heimatstadt Köln.

You enter Germany

You enter Germany. (Meine Landschaft: Der Hürtgenwald), in: DIE ZEIT, 19. 05. 1967, Nr. 20. Nachdruck in: Essayistische Schriften und Reden, Band 2, Köln 1979; Jochen Arlt/ Manfred Lang: Vaters Land und Mutters Erde. Eifel-Lesebuch, Pulheim 1989, S. 32-35.

Friedliche Höhen und Täler der Nordeifel, weltabgeschiedene Stille und Schönheit des Hürtgenwalds – einst Schauplatz eines mörderischen Weltkriegs.

Eifelorte: Rund um Vossenack, Hürtgenwald, Nörvenich, Jülich

Reflexionen über Krieg und Frieden heute und einst auf einem Waldspaziergang in Vossenack/ Nordeifel 1967. Einleitend werden Nörvenich und Jülich, jeweils 20 Kilometer entfernt, als aktuelle „geopolitische“ Bezugsgrößen genannt. Der Lärm der Starfighter vom Nato-Flugplatz Nörvenich gemahnt nämlich ebenso wie die lautlose Arbeit des Kernreaktors in Jülich an allzu gern verdrängte tödliche Bedrohungen des Alltags. Sie rufen in Erinnerung, dass den stillen, schönen, scheinbar friedlichen Wäldern, Höhen und Tälern rund um Vossenack nicht zu trauen ist. Dass die Natur nur tarnt, was 22 Jahre zuvor noch blutiges Schlachtfeld war. Denn gerade in den Dörfern um Vossenack herum sei erbittert gekämpft worden – mit Gey, Großhau, Kleinhau, Hürtgen, Kommerscheidt und Schmidt umgrenzt Böll das einstige Kriegsgebiet. Manche Orte hätten mehr als achtundzanzig Mal die „militärischen Herren“ gewechselt. Und in Vossenack selber sei die Front gar „quer durch die Pfarrkirche“ verlaufen: „die amerikanischen Soldaten schossen von der Orgelbühne herunter, die deutschen aus der Sakristei heraus“. Als „Tarnung“ und „Täuschung“ muten daher dem wandernden Schreiber die aufgeforsteten Kahlschläge an. Demgegenüber ruft er in Erinnerung die Greuel des Kriegswinters 1944/45. Er entdeckt in der weltabgeschiedenen Stille und Schönheit des Hürtgenwaldes immer wieder Spuren des schrecklichen Zweiten Weltkriegs. Angesprochen werden bei diesem  Spaziergang zwischen den Zeiten immer wieder „die jungen Herren dort oben“, die „jungen Helden da oben“, auf ihren unentwegten militärischen Übungsflügen. Mit martialischem Lärm zersägen sie den Himmel über dem Hürtgenwald, wenn sie über die „Gräber“ ihrer Väter und Brüder hinwegfliegen. Das ist abschreckende Anschauung genug für den verallgemeinernden Schluss, „daß dieses Denkmodell bis au den heutigen Tag die deutsche Politik bestimmt: Es darf nicht wahr sein, was wahr ist: ein Krieg – und was für einer – ist verloren worden vor zweiundzwanzig Jahren“. Im Gegensatz zu diesem „es darf nicht wahr sein“-Heroismus wisse „diese eingeschüchterte Landschaft“ rund um Vossenack von der endgültigen Kriegsniederlage. Bölls Erinnerungen und Mahnungen sind ein Plädoyer für Frieden und Leben, gegen Krieg und Militär und gegen Vergessen und Verdrängen. Und sie sind eine Warnung vor Deutschland, in Anlehnung an die Schilder an den Sektorengrenzen: „Yo enter Germany. Be careful“. Literarisch interessant ist die am Ende eingeflochtene Hemingway-Reminiszenz von Heinrich Böll: „irgendwo in einem der Dörfer zwischen Gey und Vossenack, an einer Wegkreuzung oder im Wald schrieb Hemingway ein Lieblingsgedicht für seine Frau, in dem die fast prophetischen Verse erscheinen: Im nächsten Krieg werden wir die Toten in Cellophan verpackt begraben.“

Weitere Werke: u.a. Der Zug war pünktlich. Erzählung (1949), Wanderer, kommst du nach Spa... Erzählungen (1950), Wo warst du, Adam? Roman (1951), Und sagte kein einziges Wort. Roman (1953), Haus ohne Hüter. Roman (1954), Das Brot der frühen Jahre. Erzählung (1955), Billard um halbzehn. Roman (1959), Ansichten eines Clowns. Roman (1963), Entfernung von der Truppe. Erzählung (1964), Ende einer Dienstfahrt. Erzählung (1966), Gruppenbild mit Dame. Roman (1971), Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann (1974), Irisches Tagebuch (1975), Fürsorgliche Belagerung. Roman (1979), Frauen vor Flußlandschaft (1985).