Hanns Gisbert

(das ist Johanna Gisberta Mostert)

Geboren am 24.12. 1864 in Koblenz, gestorben am 01.11.1922 in Koblenz, unverheiratet. Schriftstellerin, Politikerin. Entstammte einer in Lay ansässigen Unternehmerfamilie.
Engagierte sich für die Emanzipation der Frau. War 1919 Mitglied des Koblenzer Frauenrats (Schriftführerin).

Familiendrama in einer Eifelmühle

Die Sündenmühle. Ein Zeitbild aus der Eifel. Roman

Saarlouis 1922. Um Habgier und Geldsucht, um Schuld und Sühne geht es in Gisberts Roman „Die Sündenmühle“. So nennen die Hilterscheider die „Schründenmühle“ der Familie Nickenich. Ein Fluch lastet auf ihr seit Urväterzeiten, „seit einem Müller der eigene Vater zu lange gelebt hat“. Hartnäckig geht das Gerede über die Mühle, „daß der Männer Hände nicht rein und der Frauen Geist nicht klar sei“. Seit Generationen schon hat kein Sohn mehr das Erbe des Vaters angetreten.: weil ihm kein Sohn geboren wurde oder weil dieser eines unnatürlichen Todes gestorben ist. Früh von Irrsin gezeichnet, wandern die Müllersfrauen nächtens durch die Mühle. Getrieben von Gewissensnot angesichts des Traurigen und Schrecklichen, das sie wissen und sehen,  aber nicht verraten dürfen. Denn „Geld und Gut“ um jeden Preis ist das höchste Lebensziel der Müllersfamilie. Hehlerei und Betrug sind an der Tagesordnung, zuweilen auch Mord. In der Schründenmühle ist des Müllers Wille immer Gesetz. Wegen des unermesslichen Reichtums bleibt es trotz Dorfgerede und Fluch verlockend, in die Mühle einzuheiraten. Diesen Plan verfolgt im kleinen Dorf Hilterscheid in der Vulkaneifel , nahe der Benediktinerabtei „Maria-Roth“, der reiche Holzbauer. Seinen Sohn Egidius, genannt „Gilles“, hat er zur Hochzeit mit der schönen Müllertochter Ammei bestimmt. Dem väterlichen Streben nach Reichtum hat der Sohn seine Liebe zur blonden Walli Schmieder zu opfern. Es ist ein Schachzug im Konkurrenzkampf mit seinem Widersache, Wallis Vater Johann Josef Schmieder. Dieser, als Meister in einer niederländischen Samtfabrik reich geworden, hat die Handwebarbeit im Hausbetrieb in Hilterscheid populär gemacht und damit vielen Familien Brot und Arbeit gegeben. Als um 1900 die Zeit der Handwebbetriebe zu Ende geht, als der Eisenbahnbau Konjunktur hat und die Touristen in Scharen kommen, hat „Hann-Jussep“ wieder eine Geschäftsidee, die Nachahmung findet. Er gründet eine Gartenwirtschaft und baut sie schließlich zu einem angesehenen Hotel aus. Die Bevölkerung dankt ihm die wiederholten wirtschaftlichen Initiativen mit der Wahl zum Dorfvorsteher. Dem Egidius Holzer hat die Einheirat in die Mühle großen Reichtum beschert, aber nicht Familienglück oder Zufriedenheit. Immer mehr verfällt seine Frau Ammei, ein Sohn bleibt der Ehe versagt. In der Endphase des 1. Weltkriegs breiten sich Not und Armut auch in der Eifelheimat aus. Nur der Schründenmüller mehrt immer noch seinen Reichtum: indem er hinterzogenes Korn in der gerichtlich plombierten alten Mühle mahlt und an Händler weiterverkauft. Russische Gefangene sind als preiswerte Arbeitskräfte willkommen. Lebensgefährliche Unglücksfälle, Drohbriefe an den Müller, Gerichtsuntersuchungen in der Mühle und Gewaltausbrüche des Müller signalisieren die Anhäufung von Schuld und Sünde. Bei einem Kommissionstermin der Mühle würgt der Müller seine aussagebereite Frau fast zu Tode. Daraufhin wendet sich Willibrord Holzer angeekelt von den Heiratsplänen seines Onkels ab. Der Verzicht auf den Reichtum, die Loslösung von Habsucht und Geldgier als dem Erblaster der Vorfahren machen ihn innerlich frei. Die Auflehnung gegen jede Bevormundung bahnt den Weg zu einem selbstbestimmten Leben und zu einer schließlichen Versöhnung der verfeindeten Familien Holzer und Schmieder. Erst recht, als ein Großbrand wie ein symbolisches Fegefeuer der Sündenmühle vernichtet. Die Flammen läutern die Seele des Müllers, die Verzeihung seiner Frau entsündigt ihn. Die sittlich gereiften jungen Paare Willibrord und Agnes, Marie-Liß und Andrees aber, so bedeutet uns das Schlussbild des Romans, verkörpern den Neuanfang, die Zukunft. Hanns Gisbert geißelt in ihrem Roman Egoismus und Materialismus, die noch aus kriegerischen Notlagen des Volkes Profit schlagen und den sozialen Frieden im Dorf bedrohen. Im Vordergrund steht das jahrzehntelange Gegeneinander der verfeindeten Familien Holzer und Schmieder und das düstere Schicksal der Müllerfamilie Holzer-Nickenich – ihr innerer Abstieg und ihre schließliche Umkehr nach einer Kette von Schicksalsschlägen. In den revolutionären Wirren der Zeit nach dem 1. Weltkrieg ruhen Gisberts Hoffnungen auf einen solidarischen Neuanfang in Deutschland auf der Jugend. Im Schlussbild des Romans „heben sich die jugendlichen Gestalten wie eine Verkörperung der tatkräftigen, arbeitsfrohen Jugend von dem goldtonigen Hintergrund, der die Eifler Wälder und Höhen umarmt. Wie eine Verkörperung der zielbewussten Jugend, die aus Trümmern neues Leben wecken will und wird.“


Weitere Werke: Der Entenweiher (1909), Phantasie oder Lüge. Spiel in drei Akten (1913), Weibertreu und Weiber. Lustige Episode aus der Zeit der Lützower Jäger(1913), Der Hasenfuss (1919), Auf der Winterrauh und andere Kriegserzählungen aus dem Hinterland (1919), Erzählungen für die Jugend (1920), Liselotte und der König (1922), Der Entenweiher (1923), Die vom Spillerberg (1923), Minchen und Mönchen (1925).