Clara Viebig

Geboren 17.7. 1860 in Trier, gestorben 31.7. 1952 in Berlin.
Romane, Novellen, Drama. Gilt als bedeutendste Erzählerin des deutschen Naturalismus und als literarische Entdeckerin der Eifel.
Verbrachte ihre frühe Kindheit in Trier, in der heutigen Kutzbachstraße 10 nahe der Porta nigra (damals Simeonsstiftstraße 387).   1868 Versetzung des Vaters  Ernst Viebig (Oberregierungsrat) nach Düsseldorf. Dort Besuch der „Luisenschule“ (Höhere Töchterschule). Um 1876 Pensionatsjahr in Trier im Haus des Landgerichtsrats Mathieu.
Eine Zeit, die V. später als „bestimmend“ für ihre schriftstellerische Entwicklung ansah. Auf den Untersuchungsfahrten Mathieus in die Eifel lernte sie Land und Leute kennen, schulte sie ihr soziales Bewusstsein. Nach dem  Tod des Vaters am 13. Oktober 1881 mit der Mutter Umsiedlung  nach Berlin (1883). Gesangsstudium an der Musikhochschule, ohne größere berufliche Erfolgsaussichten. Erste literarische Arbeiten für Tageszeitungen und Familienblätter (Debüt 1894). Heiratete 1896 den jüdischen Verleger Friedrich Theodor Cohn, der ihre Eifelerzählungen druckte und sie literarisch nachhaltig förderte. Mit dem Roman „Das Weiberdorf“ gelang ihr 1900 der Durchbruch. In der Folgezeit war sie sehr produktiv und erfolgreich. Sie gilt als eine der „meistgelesenen Autoren“ ihrer Zeit mit Auflagen zwischen 20.000 und 60.000 Exemplaren in der Zeit von 1925 bis 1930. Ihr Haus in Zehlendorf stand namhaften Künstlern der Zeit offen. Vortragsreisen führten sie in europäische Großstädte und in die USA. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Rückzug in das Privatleben.  V. selbst sprach von einem Verbot ihrer Bücher von 1935 an. Als Frau eines Juden war sie Diffamierungen ausgesetzt. 1936 starb ihr Ehemann. Sohn Ernst war 1934 nach Brasilien emigriert. 1941 verließ V. das bombardierte Berlin und zog in das schlesische Mittelwalde. Nach dem Einmarsch der Sowjets Ausweisung und Rückkehr in das Zehlendorf (1946, inzwischen 86 Jahre alt).  Bis zu ihrem Tod wurde sie versorgt von dem umstrittenen Ex-Bürgermeister Ernst Leo Müller aus der Eifel.  Die DDR ehrte sie als sozialkritische Autorin. Beisetzung in Düsseldorf. Lange Zeit in Vergessenheit geraten, fand V. seit Anfang der 80er Jahre durch zahlreiche Neuauflagen ihrer Werke viele neue Leser.

Das Weiberdorf. Roman aus der Eifel, 1900.

Ein Mann und viele Frauen allein im Dorf – Sittenskandal im Salmtal? Um 1900 sorgte Viebigs Roman „Das Weiberdorf“ für Empörung in Eifeldorf Eisenschmitt und weit darüber hinaus.

Schon der Vorabdruck des Romans in der „Frankfurter Zeitung“ 1899 löste in der Eifel große Empörung aus, vor allem in der Gemeinde Eisenschmitt in der Vulkaneifel.  Die Eisenschmitter sahen sich in ihrer sittlichen Integrität verletzt und erreichten, dass der bis zur sieben Fortsetzungsfolge authentische Ortsname „Eisenschmitt“ in „Eifelschmitt“ umgeändert wurde. So groß war die Empörung, dass sich Clara Viebig bei einem Aufenthalt im nahegelegenen Manderscheid im August desselben Jahres tätlich bedroht fühlte. Ein Gendarm wurde in ihrer Nähe stationiert, die Feuerwehr hielt vorsichtshalber eine Übung ab. Und ihrem Mann soll der Bürgermeister geraten haben, einen Revolver bei sich zu tragen. So jedenfalls schrieb Clara Viebig in einem Brief vom 11.8. 1899 aus Manderscheid, durchaus mit humorvoller Gelassenheit.  Noch über ein Vierteljahrhundert später erinnerte sie sich: „Man hat damals mein Schreiben bedroht. Die Weiber zogen in hellen Haufen nach dem nicht ferne gelegenen Manderscheid (...), Furien, die, wie sie drohten, mich mit ihren Mistgabeln picken und mir die Haare ausreißen wollten“.  Sie vermerkte auch, dass die anfängliche Erregung bald Stolz gewichen sei: „Heute  präsentiert man schmunzelnd eine hübsche Ansichskarte, auf der unterm Ortsnamen gedruckt steht: ‚Clara Viebigs Weriberdorf’.“ Freilich: So manchem Eisenschmitter ist Viebigs „Weiberdorf“ noch heute ein Ärgernis. Katharina Schuberts Dokumentarfilm „Clara Viebig – die Vergessene“ hat das 1986 eindringlich dokumentiert. Auf diese Stimmungslage hatte selbst der 1990 eingeweihte „Eisenschmittener Brunnen“ Rücksicht zu nehmen. Bewusst auf der untersten Brunnenebene, auf dem Beckenrand, zeigt er zentrale Szenen aus dem Roman „Das Weiberdorf“. Das soll sichtbar die „eher untergeordnete Bedeutung“ des  Romans „in der Geschichte Eisenschmitts“ zu dokumentieren, so eine Prospektauskunft.
„Kriminalroman“, „moderner Frauenroman“, „soziale Prosa“, „ein Schulbeispiel des Naturalismus“: diese angehängten Etikette markieren die möglichen Leseweisen des  Romans. „Kriminalroman“: diese Gattungsbezeichnung zielt auf den zentralen Handlungskern – die Falschmünzerei des Pit Miffert. Wie Pit auf diese Idee kommt, wie er schließlich entdeckt wird und auf die Spur des Täters führt, das beherrscht die letzten acht der insgesamt 14 Romankapitel. Dass Pit Miffert weniger Täter als Opfer ist, nicht zuletzt der verbreiteten Armut in der wirtschaftlich rückständigen Eifel, und daher mehr unser Mitleid als unsere Verurteilung verdient, daran lässt der Roman keinen Zweifel.  In typisch naturalistischer Manier zeigt er die Bedingtheit allen menschlichen Handelns durch Abstammung, Umwelt und Zeitumstände. Das gilt auch für die enttabuisierende Darstellung der Frau. Ein Dorf ohne Männer, ein „Weiberdorf“, ist das „Eifelschmitt“ des Romans. Denn die arbeitsfähigen Männer haben das karge Salmtal
verlassen. Sie müssen sich das ganze Jahr über im Ruhrgebiet verdingen.  Neben den Kindern und Greisen bleiben alle Frauen zurück – und Pit Miffert, der am linken Bein lahmt und nur im äußersten Notfall zum Arbeiten zu bewegen ist. Pit wird während der langen Abwesenheit der Männer zum Objekt der weiblichen Begierde. Die bricht sich Bahn in elementarer Triebhaftigkeit. Sie verschmilzt die Frauen zum sexuellen Kollektivwesen: „Sie hielten ihn umstellt, wie ein Rudel ausgehungert Wölfe den waidwunden Bracken; ihre Augen glänzten und glitzerten, sie maßen sich untereinander mit Raubtierblicken – wem fiel er zu? Dumpf knurrend zeigten sie sich die Zähne.“ Und: „Ein Ungeheuer, vielfüßig, vielköpfig, schiebt sich langsam die Weiberschar bergab. Sie hat den Weg verloren. Über Gestein und Geröll, durch Acker und Gestrüpp, ohne Pfad wälzt sie sich zu Tal, mit fortreißend, was nicht Kraft hat, sich zu wehren. Einer Lawine gleich, die verheert und zerstört; furchtbar in fühlloser Lebendigkeit, unheimlich in unerbittlichem Vorrücken, todbringend in grausamer Geschlossenheit.“ Das hinkende Pittchen und die „Weiber“: Clara Viebig will sie in Eisenschmitt persönlich kennengelernt und beobachtet haben. „Als ich dann einige Jahre später in dem benachbarten Dörfchen Eisenschmitt das hinkende Pittchen kennen lernte, und mit dem verschmitzten Schwätzer am Wirtshaustisch zusammensaß, kam mir der Gedanke: ‚Das möchtest du niederschreiben, was der erzählt!’ Und überall, wohin ich sah, nur Weiber, auf der Wiese, auf dem Kartoffelacker, auf den kleinen Feldern. So erstand mir das Weiberdorf“, schrieb sie einmal zur Entstehungsgeschichte des Romans.
Nur zweimal im Jahr hat die (nahezu) männerlose Zeit im Weiberdorf ein Ende: „im Winter zu Weihnachten, im Sommer zu Peter und Paul“. Dann kehren „die Eifelsöhne“ aus den düsteren Fabrikstädten Westfalens und des Rheinlands zurück ins heimische Salmtal, in das Dörfchen Eifelschmitt. Dann wird gelebt und geliebt, getanzt und gelacht – und zuweilen mit Pit Miffert abgerechnet. Die kurze sommerliche Rückkehr der Männer eröffnet den Roman (Kapitel 1 bis 3) und beschließt ihn (Kapitel 14). Ein Eifeler als Falschmünzer, die Frau als Triebwesen, „Eifelsöhne“ als Fabrikarbeiter fern der Heimat, das Eifeldorf als Ort bedrückender Armut und sozialer Ungerechtigkeit, die Eifel als karge  und rückständige Landschaft: diese schonungslose literarische Bestandsaufnahme hat immer auch appellativen Charakter. Sie will nicht nur die soziale und wirtschaftliche Realität der einfachen Leute auf dem Lande nach dem deutsch-französischen Krieg 1871 möglichst genau dokumentieren. Sie will immer auch zum Verstehen anleiten und zumindest indirekt zur Veränderung aufrufen. Sie will appellieren, Elend und Armut zu überwinden und menschenwürdigem Leben den Weg zu bahnen.


In Kürze folgt:

Kinder der Eifel. Novellen, 1897.

Rheinlandstöchter. Roman, 1897.

Vom Müller-Hannes. Eine Geschichte aus der Eifel, 1903.

Naturgewalten. Neue Geschichten aus der Eifel, 1905.

Das Kreuz im Venn, 1908.

Weitere Werke: u.a. Dilettanten des Lebens (1897), Vor Tau und Tag (1898), Es lebe die Kunst (1899), Das tägliche Brot (1900), Die Rosenkranzjunger (1900), Die Wacht am Rhein (1902), Das schlafende Heer (1904), Naturgewalten (1905), Einer Mutter Sohn (1906), Absolvo te! (1907), Die vor den Toren (1910), Das Eisen im  Feuer (1914), Eine Handvoll Erde (1915), Töchter der Hekuba (1917), Das rote Meer (1920), Unter dem Freiheitsbaum (1922), Die Passion (1925), Charlotte von Weiß (1929), Die mit den tausend Kindern (1929), Prinzen, Prälaten und Sansculotten (1931), Die Vielgeliebte und die Vielgehaßte (1935).