Charlotte Niese

Geboren am 07.06. 1854 in Burg auf Fehmarn, gestorben am 08.12. 1935 in Ottensen bei Altona.
Erzählerin und Romanschriftstellerin, zeitweilig Lehrerin in Schleswig-Holstein und in der Rheinprovinz. Ließ sich 1884 in Altona nieder. Machte sich einen Namen mit ihrer Kunst, Landschaftsbilder aus Schleswig zu entwerfen und Typen des ländlichen Lebens vom Tagelöhner bis zum Gutsherrn zu zeichnen. Über die Grenzen ihrer Heimat ging sie literarisch selten hinaus. Sie gilt als „Fehmarns größte Schriftstellerin“  und als „eine der bekanntesten holsteinischen Heimatschriftstellerinnen“ (Wikipedia).

DIE HEXE VON MAYEN.

Roman, 1914.
Konfessionelle Gegensätze in Europa und das Vormachtstreben des absolutistischen Frankreichs bilden Hintergrund des Romans. Genauer: die Raubkriege Ludwigs XIV. Um Aberglauben und Hexenverfolgung geht es, mehr aber noch um die Liebe der lutherisch gesinnten Adelsfrau Heilweig von Seherstadt aus Holstein zu dem armen katholischen Junker Sebastian von Wiltberg aus Mayen - in der Zeit des französisch-holländischen Krieges. In der Nähe von Köln ist das norddeutsche Edelfräulein zusammen mit ihrem Vater, dem königlich-dänischen Staatsrat Cay von Seherstedt, von Franzosen überfallen worden. Auf ihrer Flucht haben katholische Rheinländer die lutherische „Ketzerin“ aufgegriffen und als „Hexe“ in den Turm von Mayen gesteckt. Der Feuertod droht. Dies im Jahre 1675, als Soldaten des „Sonnenkönigs“ das linke Rheinufer verwüsten und auf ihrem Vormarsch nach Trier auch Mayen streifen. Ein Loch in der Stadtmauer erinnert an ihren kurzen Aufenthalt in der Genoveva-Stadt und wird später die Rückeroberung durch norddeutsche Truppen fördern. Nahe dem Mauerloch wohnt Junker Sebastian, ein mittelloser geistlicher Gelehrter, der sich Hoffnungen auf eine Ernennung zum Domdechanten oder gar zum Bischof in Trier macht. Er arbeitet an einem Buch über die heilige Genoveva von Mayen. Er verhilft der „Hexe“ zur mitternächtlichen Flucht aus dem Turmgefängnis und durch das versteckte Loch in der Stadtmauer. Eine Rettungsaktion, für die ihn der Stadtschreiber von Mayen hinrichten lassen will. In einem Militärlager in Andernach trifft die bereite „Hexe“ auf deutsche Soldaten, darunter auch aus ihrer norddeutschen Heimat Holstein. Verbittert registrieren sie, dass die Lutherischen den katholischen Rheinländern zur Abwehr der katholischen Franzosen willkommen sind, im Grunde aber von ihnen gehasst und als „Ketzer“ geächtet werden. Inzwischen ist Mayen von den Franzosen besetzt worden und auch das Kloster Maria Laach ist bedroht. Hier hat Heilwigs Vater Unterschlupf gefunden. Die Franzosen werden von braunschweigischen und holsteinischen Truppen aus Mayen verjagt. Auch Heilwigs Befreier Sebastian wird befreit. Heilwigs Absicht, den Mayener Lebensretter zu  heiraten, schafft Probleme. Nicht nur, weil sie schon ihrem Vetter Josias von Seherstedt versprochen ist. Junker Sebastian weigert sich auch, den katholischen Glauben und seine Eifelheimat zu verlassen, um der vermögenden Erbtocher auf ihre holsteinischen Güter zu folgen. So kehrt Heilwig in ihre norddeutsche Heimat zurück und heiratet Josias. Die Erinnerung an ihren Lebensretter in Mayen hält sie aber dankbar wach, zumal das Schicksal Holsteiner und Eifeler 16 Jahre später zusammenführt. Da wird der Stadtschreiber von Mayen, ihr einstiger Kerkermeistert, in Norddeutschland verhaftet. Als Stellvertreter des erkrankten Bürgermeisters hat er Mayen einst an die Franzosen verraten. Noch in der Gefangenschaft weckt er eine feindselige Stimmung gegen die einstige „Hexe“ von Mayen. Auf einer Reise an Rhein und Mosel, nach Koblenz, Andernach, Laach und Mayen, trifft Heilwig noch einmal ihren Lebensretter Sebastian. Der ist immer noch mittellos, immer noch mit der Genoveva-Legende beschäftigt, aber er hat seinen inneren Frieden gefunden. Die Gegensätze zwischen „Ketzern“ und „Katholiken“ sind nach langen Kriegsjahren fragwürdiger denn je geworden. Mit einem letzten gemeinsamen Blick von Sebastian und Heilwig auf das schicksalsschwere Loch in der Mayener Stadtmauer endet der historische Roman. Ein Roman, der die Fragwürdigkeit konfessioneller Intoleranz ebenso thematisiert wie die Fragwürdigkeit eines Krieges, der Not, Elend, Angst und Leid gerade den Ärmsten bringt. Dass dabei das lutherische Bekenntnis leicht verklärt wird, ist der dominierenden norddeutschen Perspektive der Erzählerin zuzuschreiben.

Weitere Werke: Cajus Rungholt. Roman aus dem 17. Jahrhundert (1886), Philipp Reifs Schicksale. Erzählung aus dem 16. Jahrhundert (18869, Aus dänischer Zeit. Bilder und Skizzen. 2 Bände (1892), Geschichten aus Holstein (1896), Die braune Marenz und andere Geschichten (1897), Auf der Heide (1898), Der Erbe (1899), Vergangenheit (1902), Auf dem Sandberghof (1906), Aus der Sommerzeit (1907), Minette von Söhlental (1909), Tagebuch er Ottony von Kelchberg (1914), Tante Ida und die anderen (1919), Damals (1921), Tillo Brand und seine Zeit (1922), Gesammelte Romane und Erzählungen, 8 Bände (1922), Von gestern und vorgestern. Lebenserinnerungen (1924), Alte und junge Liebe (1926), Die Reise der Gräfin Sybille (1926), Schloß Emkendorf (1928).