Alfred Andersch

Geb. 4.2. 1914 in München, gestorben 21.2. 1980 in Berzona (Schweiz).
Schriftsteller (Erzählungen, Romane, Gedichte, Hörspiele, Essays).
1920 bis 1928 Schulbesuch in München, zuletzt des  Wittelsbacher Gymnasiums; nach Abbruch Buchhandelslehre (bis 1930). Von 1931 bis 1933 arbeitslos. Beginn politischer Arbeit im kommunistischen Jugendverband. Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 mehrmonatiger Aufenthalt im KZ Dachau. Löste sich enttäuscht von der KPD. Arbeitete von 1933 bis 1940 als Büroangestellter in München und Hamburg, in der Werbeabteilung einer Fotopapierfabrik. Ab 1940 Soldat, mit Unterbrechungen. Desertierte am 6. Juni 1944 in Italien, dargestellt in der berühmten Erzählung „Kirschen der Freiheit“, 1952 erschienen).  Von 1942 bis 1944 zahlreiche Reisen in die Eifel, zu seiner späteren zweiten Frau Gisela Groneuer geb. Dichgans.  Er heiratete sie am 25.4. 1950 in Hillesheim (Vulkaneifel). Sie war 1941 mit ihren drei Kindern in die Eifel gezogen, nach Rommersheim bei Prüm (Hof des Bauern Bischof). Hier lebte sie bis 1945. So oft Andersch konnte, besuchte er sie in Rommersheim. Gisela verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit Porträts von Eifelbauern und der Eifellandschaft, ab dem Schuljahr 1942 auch als Lehrerin für Kunsterziehung und Sport am Regino-Gymnasium Prüm. Von 1944 bis 1945 war Andersch Kriegsgefangener in den USA. Nach der Rückkehr nach Deutschland Herausgeber der Zeitschrift „Der Ruf“ (1946 bis 1947). 1949 miete Gisela die Eifelburg Kerpen bei Hillesheim. Dort lebte sie mit Alfred Andersch bis zum Dezember 1952. Dann Umzug nach Hamburg-Ohlstedt. 1958 Übersiedlung in die Schweiz, nach Berzona (Val Onsernone) im Tessin. Dort lebte und arbeitete er fortan als Schriftsteller. Andersch starb am 21.2. 1980 an Nierenversagen. Andersch gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller der Nachkriegszeit.

Die Letzten vom Schwarzen Mann.

Erzählfassung in: Geister und Leute. Zehn Geschichten. München 1961, S. 39-45.
Hörspielfassung: „Die Letzten vom Schwarzen Mann. Eine Geistergeschichte von der Grenze. Nach der Erzählung des Wirtes in O. aufgeschrieben“ (Erstsendung am Volkstrauertag 1954; Sendemanuskript Nr. 726, NDR-Hörspielabteilung; noch ungedruckt).

Hörspielfassung

Orte der Handlung sind das Waldgebiet „Schwarzer Mann“, die höchste Erhebung der Schnee-Eifel, und das Dorf „O.“ (wohl Ormont). Und hier vor allem die Dorfgaststube und die Studierstube des Pfarrers. Zeit der Handlung: Spätherbst Anfang der 1950 er Jahre, lange Jahre nach der (mehrfach angesprochenen) Ardennen-Offensive der deutschen Armeen. Diese begann am 16. Oktober 1944 und kostete mehr als 75.000 Menschen das Leben. „Die Letzten vom Schwarzen Mann“: Das sind Karl aus Masuren und Lester aus Kentucky/ USA, gefallene Soldaten der Ardennen-Schlacht, Vergessene des 2. Weltkriegs. Der sagenumwobene Unsichtbare auf dem Schwarzen Mann hat sie so lange an die Höhen und Wälder seines Bezirks gebannt, bis sie von Menschen gefunden werden. So hausen sie jahrelang in einem entlegenen, unbeschädigten Bunker auf der versumpften und verminten Kammhöhe des Schwarzen Mannes. Umgeben von zerschossenen Baumstümpfen, von gesprengten Betonplatten, wassergefüllten Bombentrichtern, verfaulenden Warnschildern und Totenkreuzen. Eine düster-bleiche Totenlandschaft ist es, eine schaurige Geisterwelt. Tagsüber wandern Karl und Lester in ihren alten Uniformen und mit einem Seesack über der Schulter umher. Vordergründig als Kaffeeschmugglers, letztlich aber auf der Suche nach Erlösung ihrer ruhelosen Seelen. Diese bahnt sich an, als beide an einem Septembernachmittag eine Wirtsstube in Ormont betreten. Sie wurden angelockt von der Stimme und dem Lied von dem Mädchen, das im  Winter auf dem Weg von Ormont nach Prüm von der Fußspur eines Unsichtbaren in Bann geschlagen wird. Auf ihrer vergeblichen Suche erfriert sie schließlich zwischen Ginster und Schnee. Der Wirt erklärt den fremden Gästen den sagenhaften Hintergrund dieses Volkslieds vom Schwarzen Mann: „Man stellt sich vor, daß der Unsichtbare in Schwärze gehüllt ist und deshalb verborgen bleibt.“ Daraufhin schildert Karl erstmals ihr Leben im Banne eben des Unsichtbaren. Karl lockt sie letztendlich „auf die Spur des Unsichtbaren“: „Ich bin nicht hier. Ich kann nur dort gefunden werden, wo ich verlorengegangen bin.“ Der Wirt hält die „seltsamen Vögel“ zunächst für Verbrecher oder Irre, obgleich er sich aufgeschlossen zeigt. Wochen später, im Oktober: Vergeblich versucht Karl zu mitternächtlicher Stunde, den Pfarrer von Ormont von ihrer unglaublichen Geschichte zu überzeugen und ihn zu einer Teufelsaustreibung zu bewegen. Die Schlussworte Karls beunruhigen den Pfarrer: „Ich stamme aus einem einem Land, in dem noch an Geister geglaubt wird“. Auch der Hilferufe Julies alarmiert den Pfarrer. Der bricht wenig später mit dem Wirt auf. Beide dringen in das Gebiet des Schwarzen Manns vor und stoßen auf Julie, die aus Liebe zu Lester dorthin gegangen ist. Man findet nur noch die Skelette der beiden Gefallenen und ein Schachspiel, das der Wirt seinen Besuchern mitgegeben hatte. Bei der Bestattung der Überreste auf dem Dorffriedhof von Ormont verkündet der Pfarrer den Sinn des Ganzen: dass „uns die vergessenen Toten des Krieges nicht die Arbeit abnehmen können, sie zu suchen“. Gegliedert ist das Hörspiel in sechs aktähnliche Hauptphasen, die sich in drei Räumen abspielen: Raum E, das ist der „Raum des Erzählers/Wirts“. Raum R ist „der normale Raum der jeweiligen Realität“. Raum M, seltener zu finden, ist der „magische Raum“. Die zentrale Botschaft des Hörspiels ist: die Toten des 2. Weltkriegs nicht zu vergessen oder zu verdrängen, insbesondere nicht in der aufkommenden Wohlstandsgesellschaft der 1950er Jahre.

Die Kurzgeschichte

Von der frühen Hörspielfassung unterscheidet sich die Kurzgeschichte sehr. Die äußere Handlung ist reduziert auf den Gang „Karls Rolands“ von Brandscheid zurück zum Bunker auf den Schwarzen Mann. Dort wartet sein Schicksalsgefährte „Mike“ auf ihn. In Brandscheid hat Karl Roland dem Wirt Kaffee verkauft, eine flüchtige Bekannte aufgesucht und einmal mehr den Pfarrer um Erlösung gebeten, vergeblich. Entscheidender aber ist, dass in der Kurzgeschichte jede Aussicht auf Erlösung desillusiioniert wird: „In jenen alten Sagen, die Fälle wie den seinen behandelten, wurde ja behauptet, daß die reine Liebe eines Mädchens einen Geist, der nicht zur Ruhe kommen konnte, zu erlösen vermochte. Romantische Idee! Jungfrau war sie sowieso nicht.“ Und am Ende: „Er will uns also nicht begraben lassen?’ fragte Mike aus seinem finsteren Brüten heraus zu Roland. Roland zuckte mit den Achseln. ‚Und vielleicht hat er Angst. Sicherlich hat er Angst.’ Als sie den Bunker erreichten, sagte er zu Mike: ‚Sie glauben alle nicht mehr an Geister.’“ Kurzgeschichte wie Hörspielfassung sind ein seltener Beleg dafür, wie ein bedeutender moderner Erzähler volkstümlichen Sagenstoff der Eifel in sein literarisches Schaffen einbezogen hat.

Weitere Werke: u.a. Die Kirschen der Freiheit. Ein Bericht (1952), Sansibar oder der letzte Grund. Roman (1957), Die Rote. Roman (1960), Efraim. Roman (1967), Winterspelt. Roman (1974), Der Vater eines Mörders. Eine Schulgeschichte (1980).